RFID in der Bücherei - mit langen Armen gehts

Nach einem dreiviertel Jahr in Gesellschaft von Selbstverbuchungsautomaten mit einem stagnierendem Anteil von 17-19% an den Gesamtentlehnungen, nach stetigem Ärger mit störrischen Transpondern und stotterndem Bildschirmaufbau bei der Theken-Verbuchung sowie anderen netten berufsbegleitenden Erscheinungen, neigt auch der beflissendste, tunnelblickendste Büchereibedienstete dazu, sich kundig machen zu wollen. Nämlich ob dieses Zeugs, das bisher mehr Arbeit gebracht hat und langsamere Verbuchungsvorgänge, sowie jede Menge Fehlalarme, und damit einhergehend unzufriedene BüchereibenutzerInnen produziert, anderswo besser funktioniert.
Erste Google-Ergebnisse strotzen voll eitler Wonne und Zufriedenheit: egal ob es die Kosten sind, das Handling, die "Kunden"zufriedenheit - der Einsatz von RFID in Bibliotheken lässt offenbar nur frohe Bibliothekarinnen zurück.
Notorische Nörgler mögen vielleicht vermerken, dass die meisten dieser positiven Stellungnahmen entweder von VertreterInnen jener Firmen kommen, die an dem Ganzen was zu verdienen haben oder von jenen, die für den Ankauf verantwortlich sind bzw. davon leben, wie BibliotheksdirektorInnen oder EDV-Referentinnen etc.
Die wenigen Hinweise, dass sich audiovisuelle Medien nicht immer so ganz super mit Transponderetiketten vertragen, scheinen sich in der täglichen Praxis offenbar nicht auszuwirken, denn sonst wäre der angebliche Geschwindigkeitsvorteil bei der Verbuchung nicht gegeben und der anderswo bis zu 90%ige Anteil an von den BibliotheksbenutzerInnen selbst verbuchten Medien nicht möglich.
Warum klappt es nun überall und nur bei uns nicht? Ist es das miese Karma der Belegschaft wegen der Nichtbefolgung des Rates der Arbeitsmedizinerin, die uns bei ihrem Besuch die regelmäßige Einnahme von Zitronengrastee - sie empfahl Teesäckchen vom Hofer (="Aldi)" - ans Herz legte sowie die Lektüre der 5 Tibeter, als wir auf den durch die vielen Geräte erzeugten Dauergeräuschpegel hinwiesen und auf die doch recht beträchtliche Abwärme?
Oder fehlt es an der nötigen Ausdauer, wenn das Selbstverbuchungsgerät zum xten mal Timeout hat oder die Leserinnen zur Theke jagt, weil irgendwas nicht in Ordnung sein soll? Worauf sie kleinmütigerweise künftig dieses innovative Gerät meiden?

Da bekanntlich in solchen Fällen, wenn die Gegensätze ihre lebendige Beziehung und Wechselwirkung verloren haben, das Bedürfnis der Philosophie entsteht, wie es Herr Hegel mal formuliert hat (wahrscheinlich in dem Augenblick, als das Sicherungsgate höhnisch lospfiff, gateals er mit zwar verbuchten, aber durch das heimtückische Selbstverbuchungsgerät nicht entsicherten Medien durchschreiten wollte, sodass sich alle Augen dem armen Herrn Hegel zuwandten und ein Bibliothekar ihn herrisch zu sich winkte?), will ich an die Sache theoretisch herangehen und greife berufskrankheitsbedingt zu einem Buche: "Anwendung von RFID-Systemen" von Christian Kern. Aufschluss über die Ursachen unseres Versagens fand ich da zwar auch nicht. Aber eine Zeichnung im Buch machte mir deutlich, dass es offenbar anderer Bibliothekare bedarf, um die Verbuchung so zu tätigen, dass sie doppelt so schnell ist wie die Verbuchung mit Barcodes. Denn die fürs Funktionieren notwendige Entfernung der RFID-Antenne zu den anderen Geräten wie PC, Tastatur, Bildschirm, Maus, Kassenbondrucker, muss laut Buch und Zeichnung so groß sein, dass es ausreichender Armlängen bedarf, um alle diese Gegenstände beim Verlauf der Verbuchung auch zu erreichen (das Bunte ist von mir zwecks besserer Anschaulichkeit hinzugefügt worden):



Vielleicht sollte dies in der Ausbildung künftiger Büchereibediensteter beachtet werden.

Beispielsweise die Abhaltung von Hängeseminaren:

oder oder


Auch die Eignungstest sollten entsprechend adaptiert werden und das wesentliches Aufnahmekriterium das Türanklopfen in aufrechter Körperhaltung sein (natürlich würde es sich dabei um eine im Boden eingelassene Falltüre handeln):



BibliothekarInnen müssen flexibel sein. Ich hoffe, auch wir werden es noch lernen.

library_mistress - 2008.07.15, 11:10

Terry Pratchett...

...hat also doch recht - in seinen Discworld-Romanen ist nämlich der Bibliothekar der Unseen University von Ankh-Morpork ein Orang-Utan. Der trinkt aber wahrscheinlich lieber Bananenfrappee und macht die fünf Sumatraer.

haftgrund - 2008.07.16, 15:18

oh, das kannte ich nicht; habe zwar schon einige Pratchettromane gelesen, aber der Bibluiothekar ist mir noch nicht untergekommen. Was umgehend nachzuholen ist, weil das ja zum Pflichtteil der bibliothekarischen Fortbildung gehört!
Bibliothekarischer Lebenswirklichkeit am Nächsten erschien mir bei meiner bisherigen Pratchettlektüre am ehesten der Band "Ab die Post" (Going Postal) :-)

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